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Text: Dörthe Schmidt

Von wegen nur Sonne und Savoir vivre in Südfrankreich satt. Darüber kann Anna-Zaira Engeln nur müde lächeln. Sie hat im vergangenen Jahr ein Praktikum in einem Wissensmanagement-Unternehmen in Lyon absolviert und jede Menge Wissen mit nach Hause genommen. Ihr Fazit: Es war anstrengend, aber hat sich in jeder Hinsicht gelohnt.

Die Kommunikationselektronikerin suchte nach einer guten Möglichkeit, die Zeit zwischen Ausbildung und Studium praktisch zu nutzen. Deshalb entschloss sie sich zu einem Informatik-Praktikum im Ausland: "Da ich mich sowieso für Frankreich interessiere und meine Tante - Professorin an der FH Aachen, die ihre Studenten auch gerne ins Ausland schickt - Gelegenheit hatte, mich zu vermitteln, habe ich zugegriffen.", sagt Anna-Zaira. Doch vor der Abreise hat sie schon ein bisschen Angst bekommen. "Ich habe mir auf einen Zettel geschrieben, wovor ich Angst hatte und was alles Schlimmes passieren konnte. Den Zettel habe ich nicht aufgehoben, aber ich könnte bestimmt 80% davon abhaken, denn: Genau das ist passiert." Trotzdem war alles halb so schlimm. Es sind so viel schöne Sachen dazu gekommen, mit denen die junge Deutsche nicht gerechnet hat. "Die haben das einfach 1000fach wettgemacht," resümiert sie im Nachhinein.

 

Wenn alle guten Geister versagen, kann man in der Marien-Kathedrale von Lyon Hilfe suchen.

Anna-Zaira

Mehr über Anna-Zaira, ihr Leben, ihre Katze und Frankreich erfahrt ihr auf ihrer Site. www.anna-zaira.de


Mit diesen Yetis hat Anna-Zaira eine Schneetour unternommen. Sie ist die zweite von links und wird gerade angeseilt.

Wer wissen möchte, was Kade-Tech www.kadetech.fr sonst alles macht und sich für ein Praktikum bei Kade-Tech interessiert, kann dort ja mal nachfragen.

Besonders beruflich ist Anna-Zaira einen großen Schritt weitergekommen. Bei KADE-TECH sprang sie zunächst ins kalte Wasser. Das Unternehmen sammelt Wissen von Maschinenbau-Experten und verarbeitet es zu Programmen. Auftrageber sind namhafte Firmen, die ihre Spezialisten von Routineaufgaben bei der Konstruktion von Maschinenteilen entlasten möchten, damit diese ihre "gewonnene Zeit" besser in Forschungsarbeit investieren.

Als sie bei KADE-TECH anfing, konnte die junge Kommunikationselektronikerin mit der Fachrichtung Telekommunikationstechnik zwar Telefonanlagen programmieren, aber von Computern hatte sie noch herzlich wenig Ahnung:"Vorher wusste ich, wie man "WÖRT" schreibt, dass der Computer einen Ein- und Ausschaltknopf hat und dass "ENTE" ein Betriebssystem ist. Mehr aber auch nicht", beschreibt sie süffisant ihren vorfranzösischen Kenntnisstand auf ihren eigenen Internetseiten. Das änderte sich aber schnell. Bald hat sie an den Internetseiten von Kade-Tech mitgearbeitet und Image-Broschüren ins Deutsche übersetzt. Ihre Hauptaufgabe bestand aber darin, an einem Fachprojekt mitzuwirken.

Im Auftrag der DASA sollten Daten, die zur Konstruktion eines Fußbodenquerträgers eines Airbus notwendig sind, bei Experten erfragt und anschließend zu Programmen verarbeitet werden. Die Werte wurden gesammelt. Im Fall des Fußbodenquerträgers ging es zum Beispiel darum, welche Dicke das Material haben darf, und wie groß die Aussparungen in den Streben unterhalb des Fußbodens sein dürfen, um alle nötigen Rohre und Leitungen durchzuführen. "Ein Flugzeug, das zu schwer ist, fliegt nicht oder verbraucht zu viel - wie bei einem Auto. Man muss den goldenen Mittelweg finden, möglichst leicht aber stabil." Durch komplexe Berechnungen haben die Flugzeugingenieure Erfahrungswerte im Laufe ihrer Arbeiten ermittelt. Damit bei geringen Veränderungen diese Fachleute nicht immer wieder die langen Prozeduren, die zur Ermittlung der Daten nötig sind, wiederholen müssen, wird bei KADE-TECH das Spezialwissen eben zu Computerprogrammen verarbeitet. Dazu gehört auch eine dreidimensionale grafische Darstellung des Ganzen. Genau das war der Arbeitsbereich von Anna-Zaira. Sie hat sich den Umgang mit dem CAD-Programm CATIA sowie C++ und firmeninterne Programmiersprachen (z.B. GDL -Geometric Description Language und CDL - Class Description Language) beigebracht und anschließend den Querträger in eine 3D-Grafik umgesetzt.

Eigentlich war es schon fast Zufall, dass sie im Praktikum genau die Bereiche abdeckte, die sie für ihr Studienfach Mechatronik unbedingt brauchen würde, aber mit denen sie vorher kaum etwas zu tun hatte. Mechatronik umfasst Maschinenbau, Elektronik und Informatik. Durch ihren Ausbildungsberuf ist die Elektronik gut abgedeckt, aber "bei der Informatik war ich sehr unsicher, ich hätte mich niemals getraut, das alleine zu studieren" Weil es bei KADE-TECH neben der Informatik auch um Maschinenbau-Projekte ging, hat sie auch dieses Gebiet kennengelernt.

Doch nicht nur in technischer Hinsicht hat Anna-Zaira megabitweise dazugelernt. Sie sollte, auf Französisch natürlich, vor anderen Praktikanten das DASA-Projekt vorstellen, und weil das so gut geklappt hat, hat ihr Chef sie gleich dazu verdonnert, noch mal vor Ingenieuren und Doktoren über das Projekt zu berichten, auch das ist gut gelaufen und sie wurde mit Beifall belohnt. "Insgesamt kriegt man ein großes Feedback, das man woanders überhaupt nicht bekommt. In der Form und in dem Maß auf keinen Fall", sagt die Essenerin. Übrigens, so ganz nebenbei: Sie ist Praktikantin des Jahres geworden, mit diesem Titel zeichnet KADE-TECH einmal im Jahr einen besonders guten Praktikanten aus!

Spätestens jetzt könnte der Eindruck entstanden sein, dass Anna-Zaira Tag und Nacht über am PC gehangen und programmiert hat, aber tatsächlich hatte sie auch Freizeit. Allein war sie fast nie. Zum einem unternahm sie etwas mit ihren Arbeitskollegen oder mit Studenten, denn sie wohnte im Studentenheim, und "da hat man keine Chance allein durchs Leben zu gehen." Meist tauchte sie im Lyoner Nachtleben ab oder in den Alpen wieder auf, wo sie Bergtouren mitgemacht hat oder beim Climbing ihre Höhenangst an einer 250 Meter hohen Steilwand überwunden hat.

Zwar machen die Franzosen in der Freizeit ähnliche Sachen wie wir Deutschen, aber "die haben halt eine ganz andere Grundeinstellung, ein bisschen lockerer", meint Anna-Zaira. Bei formalen Angelegenheiten trifft aber genau das Gegenteil zu: "Man sollte nicht glauben, dass die Deutschen schlimm sind in der Bürokratie, da sind die Franzosen noch schlimmer. Die Franzosen haben tatsächlich eine Geburtsurkunde von mir verlangt, eine internationale, das finde ich ja normal. Aber die durfte nicht älter als drei Monate sein. Jetzt frage ich mich, was ändert sich an einer Geburtsurkunde?" - Vermutlich wissen die Franzosen das auch nicht.

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