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November 1999

Europäisches online Jugendmagazin

 

Stefan Kretzschmar 1999


Aus dem POP-UP-Archiv

Fotos:
Ludwig Tobisch, Bochum

 

Pop-up: In den Medien wirst Du oft Paradiesvogel, Gesamtkunstwerk, bad boy oder auch Alptraum der Schwiegermütter genannt. Was bist du eigentlich? Und als was bezeichnest Du Dich?




Stefan Kretzschmar: Als Handballspieler eigentlich. Ansonsten würde ich den ganzen Begriffen, die mir da nahegelegt werden nicht so eine großen Bedeutung beimessen. Das interessiert mich auch nicht. Das sind Erfindungen, die habe ich sicherlich nicht selber entwickelt, sondern die sind von den Medien gekommen.

Wuppertal/SC Magdeburg

In Deutschland hat man immer so einen Drang danach sie in eine Schublade zu stecken, sie zu charakterisieren. Weißt du, sie zu charakterisieren, sein nach allen Seiten auszuleuchten. Deswegen mir einen Namen zu geben. Für mich ist das überhaupt nicht wichtig, ich versuche einfach nur, den Sachen nachzugehen, die mir Spaß machen und dabei möchte ich mich überhaupt nicht charakterisieren und festlegen. Weil das engt mich einfach nur ein und darauf hab´ ich eigentlich nicht so den Nerv'.



Pop-up: Du bist sehr exponiert durch Dein Aussehen und durch Deine guten Leistungen im Handball. Irgendwie gerät man doch unweigerlich in Funktion, anderen jungen Menschen eine Art Vorbild zu sein. Wenn man Vorbild im positiven Sinn verstehen würde, würdest Du dann gern ne' "message" weitergeben?

Dörthe Schmidt und S. Kretzschmar



Stefan Kretzschmar: Na ja, die Message, wenn sie denn so sein sollte, ist natürlich: "Jeder soll das machen, was er denkt, und soll sich von niemanden irgendwie sagen lassen, dass et falsch ist." Und soll sich niemanden irgendwelche traditionellen Werte aufdrücken lassen, die man selber für schwachsinnig hält. Jeder soll schon nach seiner Façon leben und nicht nach der eines anderen, denk ich.
Vorbild ist natürlich schon, dass ich das am Anfang das überhaupt nicht akzeptiert habe, weil ich das gar nicht wollte, ich war viel zu jung dafür und die Leuten haben immer erzählt, du bist ein Vorbild, du musst dich auch vorbildlich in der Öffentlichkeit präsentiert. Das hat mich eigentlich nie interessiert. Bis ich dann vor drei vier Jahren etwa gesehen habe, wie viele Leute sich an dir orientieren, vor allem Kids und so, wo du dich schon mal hingesetzt hast und überlegt: "Hey warte mal jetzt, so ganz bescheuert kannst du jetzt nicht weiterleben. Du musst dir schon mal überlegen, was du hier so machst." Da sind halt schon gewisse Verhaltensweisen, die sich geändert haben im Laufe der Jahre.



Pop-up: Was denn zum Beispiel?



Dass man seine Verantwortung wahrnimmt, indem man gerade im Gespräch mit Jugendlichen sich zur politischen Verantwortung äußert, was ich vorher eigentlich kategorisch abgelehnt habe. Dass man in Öffentlichkeit halt nicht raucht oder dass man halt nicht exzessiv mit Fans feiert. Sondern man hält sich dann zurück und macht das woanders oder lässt es halt ganz aus dem öffentlichen Leben raus. Das sind so Sachen, die haben sich verändert und die waren vorher sicherlich mehr im Vordergrund als sie jetzt sind



Pop-up: Wir, unser Magazin, ist international ausgerichtet, Du lebst auch in einem internationalen Umfeld mit der Mannschaft, Deiner kubanischen Frau, auch Ostdeutschland und Westdeutschland sind noch nicht ganz zusammengewachsen. Wie wichtig ist es für Dich, international zu denken?



Also es ist schon so, dass ich über meinen Magdeburger Tellerrand hinausgucke. Einfach auch wegen der Hobbies, die ich habe und wegen meiner familiären Situation. Zumal mich die Mentalität des allgemeinen Deutschen nicht so sehr fasziniert und interessiert, dass ich sagen wir mal so dem deutschen Stammtischgelabbere zuhören würde. Es ist für mich so, dass ich Urlaub prinzipiell immer im Ausland mache, damit fängt es ja schon an und andererseits auch viele Freunde im Ausland habe. Auch durch meine Werbeverträge oft herumkomme. International zu leben ist doch eigentlich ganz normal. Jeder Deutsche tut das irgendwo. Das fängt beim Essen an, geht hin bis zu der Mannschaft, die man favorisiert, von der man Fan ist, da spielen auch sehr viele Ausländer mit und die Sprachen, die man selber lernt.



Pop-up: Kann es sein, dass Du eine besondere Lebensart, die Du irgendwo anders kennengelernt hast, besonders schätzt?



Nee, eigentlich nicht. Also, es gibt in vielen Völkern einfach coole Sachen und beschiessene Sachen. Ich denke, die Kubaner haben ne sehr geile Mentalität, sind aber superfaul, jaa. Und das nervt natürlich völlig ab. Die Deutschen drehen total ab, wenn's um Arbeit geht, aber in ihrem Freizeitleben sind sie überhaupt nicht kreativ oder emotional. Sondern, wenn es zum Beispiel um Karaoke geht, setzt sich jeder Deutsche in die letzte Ecke, jeder Kubaner kloppt sich ums Mikrofon. Ja, so sind zum Beispiel mal die Unterschiede. So, die Italiener und die Spanier haben eine tierisch geile Art zu essen, also über zwei, drei Stunden hinweg, abends ab 22 Uhr. Das sind so Sachen, aus denen man sich so das Beste aus allem herausnimmt und das so für sich nimmt.
Es gibt jetzt keine Mentalität oder kein Volk, von dem ich jetzt sage, die find ich besonders geil. Alle haben sie irgendwie ein Rad ab und alle haben sie auch irgendwie coole Sachen an sich, wo denen ich sagen würde, ja das gefällt mir, das andere lass' ich dann lieber.



Pop-up: In Magdeburg bist du ziemlich beliebt, besonders weil Du den Menschen aus der Seele sprichst, gerade wenn es um Zukunftsängste und Arbeitslosigkeit geht. Hast auch manchmal Angst vor der Zukunft oder was beruflich passieren könnte? Und kannst du andere Jugendliche verstehen, wenn sie es haben?

Wuppertal:SC Magdeburg



Ich kann sie natürlich verstehen, das ist klar. Mir selber geht es natürlich recht gut. Ich bin ja sehr privilegiert mit dem, was ich mache und dem, was ich dabei verdiene. Deswegen treffen mich die Ängste momentan nicht so. Als ich mal verletzt war, ging es mir natürlich schon ein bisschen anders. Als man mir gesagt hat, du musst ein dreiviertel Jahr pausieren. Das ist schon eine Situation, die ist nicht so angenehm. Da merkt man natürlich schon, wie es ist, wie sich einige Leute fühlen, wenn man ohne Job und ohne Perspektive dasteht. Viele Ärzte haben zu der Zeit gesagt, Du wirst nie wieder Handball spielen können, das war eine ziemlich heftige Situation für mich. Im Prinzip mache ich mir aber nicht so Gedanken, muss ich ehrlich sagen. Ich bin nicht so der Typ, der sein Leben völlig verplant und genauso plan' ich momentan nicht eine berufliche Zukunft nach dem Handball. Sondern, wenn es denn soweit sein sollte, dann wird sich schon etwas ergeben. Die Meinung hab' ich zumindest, die gebe ich zwar nicht so gern der Öffentlichkeit immer weiter, weil das is' kein gutes Beispiel für die Kids, aber zumindest ist es meine Meinung. Wie gesagt, ich versuche immer das, was ich gerade mache hundertprozentig zu machen, deswegen kann ich nicht irgendwelche Studien oder Berufsausbildung nebenbei machen, weil es sich einfach nie mit meinem Sport vertragen hat, wenn ich etwas angefangen haben.

Pop-up: Und Sushi TV? Wäre das was für die Zukunft?

MTV Sushi! Sushi TV ist falsch, das sagen ganz viele. Will ich jetzt überhaupt nicht sagen. Die Intention, die Sendung zu machen ist einfach nur, weil es wieder Spaß gemacht hat oder weil es wieder eine geile Idee war, weil die Leute von MTV sehr geil zu mir waren, weil wir dort ein cooles Gespräch hatten, weil die Leute auf mich zugekommen sind, und gesagt haben: "So sieht es aus. Das ist Deine Sendung. Du kann machen, was du willst, Du kannst die Musik spielen, die Du willst." Im Prinzip ist es das, wovon jeder irgendwie mal träumt, dass er das machen kann, was er will in so einer Sendung, in so einer Stunde.



Pop-up: Was für Musik wirst Du spielen?



Es ist Musik, die nach 22 Uhr läuft, weil sie vorher nicht ausgestrahlt werden darf, nach den Bestimmungen. Es ist Hard Rock, Zone Rock. Und viel so Musik. Es wird auch Rap geben. Es wird auch Musik geben, die meine Gäste geil finden, also es ist nicht nur alles von mir und nur heftig und nur "den Fernseher leise machen", es ist auch schon Musik, die relativ cool ist.



Pop-up: Welche Gäste kommen, darfst du das schon verraten?



Nee, dazu müsst Ihr den Fernseher selber anmachen.Es sind geile Anfragen und es sind auch schon coole Gäste, die dabei sind. Also es sind nicht nur Freunde von mir, sondern auch richtige coole Musiker.



Pop-up: Gedreht wird bei Dir in der Fabrik?



Momentan noch. Jetzt werden wird noch bei mir Zuhause drehen, später, wenn meine Kneipe umgebaut ist, werden wir in der Kneipe dann drehen.




Pop-up: Hast Du tatsächlich einen Whirlpool im Wohnzimmer?



Das stimmt, das kann man dann auch sehen.



Pop-up: Und, dass Du gerne Golf spielst, stimmt auch?



Ja, das auf jeden Fall.



Pop-up: Wie kann man das alles miteinander vereinbaren?

Dörthe Schmidt und S. Kretzschmar

Guck mal, ich hab zweimal am Tag Training, vormittags und nachmittags. Dazwischen gehen ich meistens Golfen. Und einmal oder zweimal im Monat zeichnen wir die Sendung im Vorlauf für einen Monat auf. Im Prinzip ist das kein großer Stress. Du hast einem Tag im Monat frei und da zeichnetst du drei Sendungen auf und dann bist du den nächsten Monat erst wieder dran. Das ist für mich wichtig gewesen, dass es zeitlich auch funktioniert. Das konnten sie mir garantieren. Ich muss nicht nach München, sondern sie kommen zu mir. Insofern geht das alles schon. Mit meiner Kneipe, da habe ich einen Geschäftsführer, da kümmere ich mich auch nicht drum. Das ist schon alles so, dass ich mich auf meinen Sport konzentrieren kann.

Pop-up: Hast Du noch einen CD-Tipp für uns?



Es gibt eine CD von den Inchtabokatables, "Too loud" und es gibt ne neue CD von Creed, die haben jetzt letzte Woche ne neue CD herausgebracht, die sind beide sehr sehr geil.

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